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3. Juli 2026

Cécile Wajsbrot "Offener Himmel", Wallstein Verlag

Menschen verschwinden aus unserem Leben. „Betreten anonym das weite Gebiet der Abwesenheit.“ Manchmal können wir uns verabschieden, oft ist das nicht mehr möglich. Schon in ihrem vorletzten Roman „Nevermore“ beschäftigte sich Cécile Wajsbrot mit diesem brutalen Kappen von Lebensfäden. Und auch in ihrem neuen Roman „Offener Himmel“, der in der Übersetzung aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller im Wallstein Verlag erschienen ist, geht es um dieses Thema, das so viel assoziiert.

Bereits bei der Lektüre von „Nevermore“, spätestens nach der von „Offener Himmel“, fügt man dem Namen der Autorin automatisch einen weiteren Namen hinzu: Virginia Woolf. Wie kann ich mich gedanklich, schriftlich dem Leben, dem Vergehen, dem Tod nähern, es verstehen? Mit einer linearen, sich langsam entwickelnden Handlung, die von einem Erzähler konsequent vorgetragen wird, ist das kaum möglich. Adäquater erscheinen hier Gedankenfetzen, Bewusstseinsströme verschiedener Charaktere, die manchmal zusammenkommen, als wären sie eins, dann wieder auseinanderdriften, sich abstoßen wie die gleichpoligen Enden zweier Magnete.

In „Offener Himmel“ begegnen wir zuerst einer Person, einem Schatten, Teil eines Chores, wie wir ihn als Kommentator von der Theaterbühne der griechischen Antike kennen. Der Chor als Masse, in der der Einzelne untergeht, untergehen soll. Spannend, ein Glied aus der Kette zu nehmen und es zu einem Solisten zu machen, der allmählich nicht nur als Mittler fungiert, sondern beginnt, über das eigene Sein zu reflektieren. Aber bevor es soweit ist, geht es darum, einen Auftrag zu erfüllen.

Der Mittler soll einer Frau folgen, die die Ausstellung „I will survive“ der Berliner Künstlerin und Filmemacherin Hito Steyerl besucht. Besonders die Videoinstallation „In free fall“ übt eine große Faszination auf sie aus. Den Grund erfahren wir bald. Es geht um Flugzeugkatastrophen in dem Kunstwerk, und die Frau erinnert sich an einen Flugzeugabsturz, der mit ihrem eigenen Schicksal verwoben ist, den einer Passagiermaschine der Air France auf dem Weg von Brazzaville nach Paris, bei dem am 10. Mai 1961 alle 70 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Zur Besatzung gehörte eine Freundin der Eltern, erinnert sich die Erzählerin. Die Stewardess besuchte sie, brachte dem Kind kleine Geschenke aus den entlegensten Ländern mit … bis sie einfach verschwand, nicht mehr wiederkam.

Warum das Flugzeug abstürzte, ja, der Absturz ist keine Fiktion, ist bis heute nicht bekannt. Es gibt Vermutungen. Ein Bombenattentat. Von wem verübt, an wem und warum … Konkretes gibt es kaum. Dafür umso mehr Geheimnisse. Und genau das ist der Grund, warum viele nicht loslassen können, wenn sie jemanden verloren haben. Man beginnt zu fragen, zu forschen. Schweigen entmutigt nicht, spornt nur umso mehr an. Und immer wieder findet man Krumen, die man gierig aufpickt. Die genug Nahrung bieten, Kraft geben bis zum nächsten Fund.

Aber zurück zu den Sprechenden des Romans. Gehört das Wesen aus dem Chor zu den Lebenden oder zu den Toten? Ist es überhaupt angebracht, in solchen Kategorien zu denken? Die Frau gehört klar zu den Lebenden. In Jahren lässt sich ihr bisher gelebtes Leben nicht messen. Weil sie innerlich an einem Punkt in der Vergangenheit hängengeblieben ist? Mit den Toten spricht? Erhält sie Antworten? Mischt sich die tote Stewardess in den Dialog ein? Es ist nicht eindeutig und genau deshalb vielleicht genau die richtige Art und Weise, mit diesem Thema umzugehen.

In die Dialoge und Monologe mischen sich Anspielungen und Zitate, die das Gesagte und Gedachte untermauern oder weiter ausführen, wie die Fragen um Leben und Tod. Für Platon etwa war es klar: Der Körper mag sterben, die Seele bleibt. Und immer wieder geht es ums Fliegen. Um Vögel, um den Wunsch des Menschen, es ihnen gleichzutun. Zumindest in der Fantasie.

Leichte Kost sind sie nicht, die Bücher von Cécile Wajsbrot. Aber sie faszinieren. Stoßen inhaltlich etwas in einem an. Themen, die einen berühren. Unwiderstehlich verpackt in ein raffiniertes Spiel mit Worten und Sätzen, das einen Sog ausübt. Man wird mitgerissen, will sich auch gar nicht dagegen wehren, im Gegenteil. Nur zu bereitwillig lässt man sich mitziehen, hilft hier und da sogar mit einem kräftigen Beinschlag nach, denn man will ganz hinein, hindurch, bis auf den Grund.

 

30. Juni 2026

Wenn der Mond in Oostende um die Ecke lugt.

19. Juni 2026

Aus der Haustür treten, ein paar Meter nach links, und da ist es: das Meer.   

Lea Korsgaard „Das Jahr der Schmetterlinge“

Ullstein, 2026

Auch wenn man es eilig hat. Oder gerade etwas zu tun hat. Ihrem Zauber widersteht man nicht. Warum auch? Sie lassen einen innehalten. Lassen einen stoppen, alles in den Hintergrund treten. Was zählt, ist allein der Moment. Wie sie vor uns herflattern, sich immer wieder niederlassen, ihre Flügel ausbreiten und dann rasch weiterfliegen, wenn wir uns nähern. Aber nur, um gleich wieder zu landen, damit wir ihnen auch ja folgen und sie nicht aus den Augen verlieren.

Schmetterlinge faszinieren. Das taten sie schon seit … ach, seit es sie gibt. Die dänische Journalistin und Autorin Lea Korsgaard weiß das nur zu genau. An einem Neujahrsmorgen nimmt sie sich vor, innerhalb eines Jahres alle Schmetterlingsarten zu sehen, die es in Dänemark gibt. Wie viele das sind, weiß sie in diesem Moment noch nicht. Auch nicht, wie sie heißen, wo sie leben, wie sie auseinanderzuhalten sind. „Alles floss zu einem einzigen Kauderwelsch zusammen“, konstatiert sie. Aber anstatt sich davon entmutigen zu lassen, macht sie sich daran, eine neue Sprache zu lernen: die Schmetterlingsprache.

Und dabei nimmt sie uns mit. Mit ihr zusammen lernen wir die Schmetterlingsprache. Wir gehen mit der Autorin auf Safari und finden die meisten der über sechzig Schmetterlingsarten, die heute in Dänemark herumflattern. Die Ausrüstung für diese Safari besteht heute aus einer Kamera und nicht mehr aus einem Netz, mit dem die Falter gefangen werden, um später aufgespießt und hinter Glas präsentiert zu werden. Man tötet nicht, was man liebt. Generell und schon gar nicht dann, wenn einige Arten des Objekts der Leidenschaft vor dem Aussterben bedroht oder teilweise schon ganz verschwunden sind. 

Ach ja, die Leidenschaft. Glücklich ist jener, der seine Leidenschaft gefunden hat. Eine „Flutwelle, die sich in ihrem Geist erhebt und sie dazu zwingt, ihre gesamte Aufmerksamkeit, ihre ganze Kraft und all ihr Begehren in eine Richtung zu lenken.“ … und Sorgen und Nöte hinwegspült.

Aber „Das Jahr der Schmetterlinge“ ist so viel mehr als eine Suche nach dem Zitronenfalter, dem Tagpfauenauge oder dem grünen Zipfelfalter. Lea Korsgaard philosophiert unter anderem über den Symbolcharakter des Schmetterlings, der Botschaft aus dem Totenreich sein kann oder allgemein für Verwandlung und Hoffnung stehen kann. „Und wenn sich eine stachelige Raupe in ein so wunderschönes Wesen verwandeln konnte, warum sollte das dem Menschen nicht auch gelingen?“, erklärt die Autorin, die die Rolle des Schmetterlings in der Mythologie untersucht und wie sie sich mit dem Christentum gewandelt hat.

Vor dem Christentum sah man Gott in der Natur, war Gott die Natur, als deren Schöpfer die Christen Gott sahen, den sie damit über die Natur stellten, ihn von ihr entfernten. Korsgaards Großvater, ein Theologe, haderte damit und weigerte sich, das, was er in der Natur empfand, nicht als religiös zu empfinden. Er beklagte, dass die Theologie keinen richtigen Bezug mehr zur Welt habe. „Sie war losgelöst von dem Ort, an dem das Leben seinen Ursprung hatte.“

Und genau hierin liegt das Problem: Die Natur mit allem, was in ihr fliegt, läuft oder schwimmt, ist abstrakt, ist uns fremd geworden. Wir verstehen sie nicht mehr und achten nicht mehr darauf, was ihr gut tut und was nicht. Warnungen der Menschen, die es wissen, werden oft nicht gehört. Und diese Warnungen sind nicht neu. Es gibt sie bereits seit Jahrhunderten. Aber wie sagte schon Jean-Jacques Rousseau, den auch Lea Korsgaard zitiert: „Die Menschheit war im Laufe ihrer Entwicklung der Perfektion nicht nähergekommen.“ Im Gegenteil, möchte man hinzufügen.

Und trotzdem bleibt am Ende Hoffnung. Der Mensch ist in der Lage, sich zu ändern und andere Entscheidungen zu treffen. Die Autorin merkt es an sich selbst; pflanzt nicht mehr das in ihrem Garten, was nur schön aussieht, sondern was Insekten als Nahrungsquelle dient.

Ein interessanter Ansatz sind auch die zitierten Gedanken des Theologieprofessors Ole Jenssen zur Schöpfungsgeschichte. In ihr steht nicht allein, dass der Mensch über die Natur herrschen soll, sondern auch der Satz: „Und Gott sah, dass es gut war.“ „Bevor wir uns die Natur zunutze machen, müssen wir ihre Schönheit bewundern“, so Jenssen. „Bevor wir den Herrschaftsauftrag erhalten, wird uns die Pflicht zur Bewunderung und Fürsorge zugewiesen.“

„Das Jahr der Schmetterlinge“ ist ein wunderschönes Buch, das mit seinen zahlreichen Gedankenausflügen zum Nachdenken und Verändern anregt. Einziger Minuspunkt: Die Autorin fährt tausende von Kilometern mit dem Auto, um innerhalb eines Jahres Dänemarks Schmetterlinge zu sehen. Klimafreundlich ist das nicht. Dabei steht der öffentliche Nahverkehr in Dänemark doch im Ruf, pünktlich und eng vernetzt zu sein.

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