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Über die Säulen des Lebens:
Schreiben - Lesen - Reisen

2. September 2026

Tanja Weber "Die Flussfrau", ullstein

Liebevoll. Ja, so schreibt Tanja Weber in ihrem neuen Roman „Die Flussfrau“ über das Leben der Binnenschifferin Lis. Neun Jahre ist Anneliese, wie sie in dem Alter noch von allen gerufen wird, als wir sie kennenlernen. Zusammen mit ihren Eltern und den Brüdern Joachim, Otto und Heini lebt sie auf einem Hof in einer norddeutschen 500-Seelen-Gemeinde. Es ist ein hartes, zugleich idyllisches Leben, das allerdings in den 1930er Jahren einen Riss bekommt. Durch ihn sickert die braune Brühe auch auf den Macken-Hof. Die Männer des Hofes werden einberufen, als der Krieg ausbricht, die Frauen bewirtschaften den Hof.

Viel Raum wird der Nachkriegszeit gewidmet, zumal dies die Zeit ist, in der sich entscheidet, wie das Leben von Lis, wie die Alliierten sie nennen, weitergeht. Otto soll einmal den Hof übernehmen, Lis soll heiraten. Einen Landwirt, na klar. Auch wenn Lis das Leben auf dem Hof liebt, leidet sie doch unter seiner Enge. Aber dann lernt sie Horst kennen, den Binnenschiffer. Sie heiraten, und Lis tauscht ihr Leben auf dem Hof gegen das auf dem Fluss, wobei sie erkennt: „Sie war ein Wasserwesen, bisher verdammt dazu, ein Leben auf der Erde zu führen, und nun hatte sie sich einen Schiffer geangelt, das allein reichte, um sie über Wolken gehen zu lassen.“

Nein, nach Romantik klingt das nicht. Die Ehe von Lis und Horst ist nicht aus Liebe entstanden oder von ihr getragen, sie ist einfach … praktisch. Im Gegensatz zur Ehe von Lis‘ Freundin Edith. Eine Garantie für ein glückliches Leben zu Zweit lässt sich daraus allerdings auch nicht automatisch ableiten. Spätestens nach dem Tod von Horst weiß Lis, dass es nur eine Person gibt, auf die sie sich verlassen kann: Sie selbst. Sie macht ihr Binnenschifferpatent A und steuert künftig selbst die Heidi über die Flüsse und Kanäle. Bewunderung erntet sie dafür selten. Eher Skepsis. Dass eine Frau so eigenständig ist, nein, das passt nicht ins Bild.

Schmucklos ist der Stil, in dem Tanja Weber Lis‘ Geschichte erzählt. Poetisch wird er, wenn die Autorin von der Natur schreibt, die Lis umgibt. Über die tiefe Verbundenheit, auch über die Traurigkeit, die sie empfindet, als die Landschaft mehr und mehr von Menschenhand unterjocht und damit zerstört wird. „Lis sah, wie die Kanäle sich veränderten, mehr und mehr Flüsse wurden begradigt, damit größere Pötte auf ihnen schippern konnten. Flüsse wie Autobahnen, dachte sie. Die Veränderungen nahm sie vor allem in der Tierwelt wahr, weniger Reiher, Brachvögel, Aale. Kaum noch Biberdämme. Kein Fischotter weit und breit. Und wo waren eigentlich die Störe abgeblieben?“

Lis verschließt nicht die Augen vor den Veränderungen, die sie Schritt für Schritt aus ihrer Idylle herausdrängen. Und vor allem resigniert sie nicht vor ihnen. Sie gehören halt zum Leben dazu, und man muss sich ihnen stellen, selbst wenn sie einen manchmal in die Knie zwingen. Und auch wenn man die ganz großen Katastrophen nicht verhindern, sondern höchstens um sie herum navigieren kann, kann man doch schauen, in seiner unmittelbaren Umgebung etwas zum Guten zu verändern. Das ist Lis‘ Motto, und das lebt sie, indem sie den Lebewesen in ihrer Umgebung hilft. Überwiegend sind es verletzte Tiere, die sie auf der Heidi gesund pflegt. Manchmal auch Menschen. Aber darin ist Lis nicht so gut. Vielleicht weil es zu selten jemanden gab, der ihr zur Seite gestanden hat.


 

22. August 2026

Catrin Ormestad „Wolfssommer auf Wiggö“, ullstein

Es ist fünf Uhr. Fünf Uhr morgens. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt eine Nacht durchgelesen habe. Vor Catrin Ormestads Roman „Wolfssommer auf Wiggö“. Der Tag wird hart werden nach so wenig Schlaf. Egal, das war es wert. Dabei fängt der über 500 Seiten starke Roman ausgerechnet mit einer Szene an, die mich bei anderen Büchern dazu bringt, sie zuzuschlagen: mit dem Tod eines Tieres, eines Wolfs.

Zuerst geht es nur um den Schuss, der am ersten Sonntag im Oktober um elf Minuten nach drei Uhr nachmittags ertönt. Die Autorin nutzt den Moment, um die Hauptfiguren ihres Romans vorzustellen. Was tun sie gerade, als der Schuss fällt? Wie reagieren sie darauf? Etwa Samuel Ruff, der Vater des Schützen Tillmann, vom Hof Storgarden. Oder Magdalena, die gerade erst von Stockholm in den (fiktiven) Ort Wiggö gezogen ist, nachdem ihr Großvater gestorben ist. Sie schreibt für die skandinavische Ausgabe von Vanity Fair in Stockholm. Eine Arbeit, die ihr zunehmend sinnlos erscheint. Parallel dazu wächst die Freude an einfachen Dingen: „… aber es gab viel mehr Momente, in denen sie von Glück erfüllt war, dass sie nun an einem Ort lebte, an dem sie das Rauschen des Meeres hören konnte, an dem sie morgens im Raureif Dachsspuren auf der Treppe vorfand.“

Und dann ist da noch der Maler Edvard Öhman, der einst auf dem Hof Björkhagen wohnte, den jetzt Deutsche als Ferienhaus nutzen. Kein seltenes Schicksal für viele der alten Höfe. Und Urmila mit ihrem Mann Harry. Und nicht zu vergessen Tillmanns Freund Ben und dessen Eltern Corinne und David.

Damit sind noch nicht einmal alle genannt, vor allem – abgesehen vom Wolf – die Tiere. Die Katzen von Edvard etwa. Oder Harrys kleiner weißer Hund und seine Schafe. Die Schmetterlinge, vor allem der weiß-graue Parnassius Apollo, der auf seinen Flügeln schwarze Punkte und rote Ringe trägt. Stark gefährdet und unter Schutz, wurde er zum Retter der Insel, als Samuel Ruff, damals der große Sammy genannt, ein Naturparadies zerstören wollte, um dort einen Campingplatz zu bauen. Ja, und dann sind da die Seeadler, denen die Rolle des Rächers zukommt. Aber soweit sind wir noch nicht.

Kehren wir erst einmal zu Magdalena zurück; zu einer Idealistin, die die Welt verändern wollte und erkennt, dass sie mit ihrem Schreiben nichts verändern wird: „Die Leserinnen von Vanity Fair wollten überhaupt nicht wissen, dass der tauende Permafrost doppelt so viel Kohlenstoff freisetzt, wie wir Menschen bereits in die Atmosphäre geschossen haben, oder dass die Häuser von 200 Millionen Menschen noch vor Ende des Jahrhunderts im Meer versinken werden. Sie würden nie eine Zeitschrift kaufen, die sie zwingt, über Kriege, Migration und Feuerstürme nachzudenken, die die Welt ihrer Kinder und Enkelkinder prägen werden.“

Während die alteingesessenen Bewohner von Wiggö Tillmann dafür feiern, dass er den Wolf erschossen hat, auch wenn das in Schweden als schwere Straftat gilt, ist Magdalena die Einzige, die Tillmann dafür verachtet. Und das, obwohl sie es als Zugezogene eh nicht leicht hat, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Und dann findet Magdalena Tagebücher. Die Schriften von Ottoline, einer Biologin, die nach vielen Reisen nach Wiggö gekommen war, um den Apollofalter zu suchen. Über dreißig Jahre ist das her. Und Ottoline lebte auch nicht lange in Wiggö. Eines Tages war sie verschwunden.

Die abwesende Ottoline wird für Magdalena zu einer Freundin, von der sie viel über die Dorfbewohner erfährt. Auch über Tillmann, dem Ottoline einst von den Cherokee erzählte und dass sie keine Wölfe jagen, weil ihre Brüder sonst Rache nehmen. Tillmann liebte diese Geschichten. Und er liebte die Natur. Was geschah in den darauffolgenden Jahrzehnten, die ihn zum Wolfsmörder werden und seinen Vater hassen ließen?

Der Roman ist sehr komplex, und er bietet auf die zahlreichen Fragen, die er aufwirft, keine einfachen Antworten. Das macht ihn so reizvoll. Wie so vieles andere. Die Zeichnung der Figuren etwa. Die Komposition der verschiedenen Erzählebenen. Das Thematisieren der Klimakrise und der Umgang mit Bildern. So erklärt Ottoline beispielsweise, dass der Wolf stets als Sündenbock für menschliches Versagen herhalten musste: „Bosheit und Blutgier – wir wissen ganz genau, dass diese Impulse in uns selbst stecken, was wir jedoch nicht wahrhaben wollen.“ Die menschliche Natur, ja, es kann einen vor ihr gruseln. Aber es gibt auch Gutes in ihr zu entdecken. Oft unter vielen Schichten von Wut und Enttäuschung verborgen. So steht am Ende der überzeugende Appell, nicht aufzugeben, da noch die Hoffnung besteht, das Steuer herumzureißen, um nicht direkt in den Abgrund zu fahren.

3. Juli 2026

Cécile Wajsbrot "Offener Himmel", Wallstein Verlag

Menschen verschwinden aus unserem Leben. „Betreten anonym das weite Gebiet der Abwesenheit.“ Manchmal können wir uns verabschieden, oft ist das nicht mehr möglich. Schon in ihrem vorletzten Roman „Nevermore“ beschäftigte sich Cécile Wajsbrot mit diesem brutalen Kappen von Lebensfäden. Und auch in ihrem neuen Roman „Offener Himmel“, der in der Übersetzung aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller im Wallstein Verlag erschienen ist, geht es um dieses Thema, das so viel assoziiert.

Bereits bei der Lektüre von „Nevermore“, spätestens nach der von „Offener Himmel“, fügt man dem Namen der Autorin automatisch einen weiteren Namen hinzu: Virginia Woolf. Wie kann ich mich gedanklich, schriftlich dem Leben, dem Vergehen, dem Tod nähern, es verstehen? Mit einer linearen, sich langsam entwickelnden Handlung, die von einem Erzähler konsequent vorgetragen wird, ist das kaum möglich. Adäquater erscheinen hier Gedankenfetzen, Bewusstseinsströme verschiedener Charaktere, die manchmal zusammenkommen, als wären sie eins, dann wieder auseinanderdriften, sich abstoßen wie die gleichpoligen Enden zweier Magnete.

In „Offener Himmel“ begegnen wir zuerst einer Person, einem Schatten, Teil eines Chores, wie wir ihn als Kommentator von der Theaterbühne der griechischen Antike kennen. Der Chor als Masse, in der der Einzelne untergeht, untergehen soll. Spannend, ein Glied aus der Kette zu nehmen und es zu einem Solisten zu machen, der allmählich nicht nur als Mittler fungiert, sondern beginnt, über das eigene Sein zu reflektieren. Aber bevor es soweit ist, geht es darum, einen Auftrag zu erfüllen.

Der Mittler soll einer Frau folgen, die die Ausstellung „I will survive“ der Berliner Künstlerin und Filmemacherin Hito Steyerl besucht. Besonders die Videoinstallation „In free fall“ übt eine große Faszination auf sie aus. Den Grund erfahren wir bald. Es geht um Flugzeugkatastrophen in dem Kunstwerk, und die Frau erinnert sich an einen Flugzeugabsturz, der mit ihrem eigenen Schicksal verwoben ist, den einer Passagiermaschine der Air France auf dem Weg von Brazzaville nach Paris, bei dem am 10. Mai 1961 alle 70 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Zur Besatzung gehörte eine Freundin der Eltern, erinnert sich die Erzählerin. Die Stewardess besuchte sie, brachte dem Kind kleine Geschenke aus den entlegensten Ländern mit … bis sie einfach verschwand, nicht mehr wiederkam.

Warum das Flugzeug abstürzte, ja, der Absturz ist keine Fiktion, ist bis heute nicht bekannt. Es gibt Vermutungen. Ein Bombenattentat. Von wem verübt, an wem und warum … Konkretes gibt es kaum. Dafür umso mehr Geheimnisse. Und genau das ist der Grund, warum viele nicht loslassen können, wenn sie jemanden verloren haben. Man beginnt zu fragen, zu forschen. Schweigen entmutigt nicht, spornt nur umso mehr an. Und immer wieder findet man Krumen, die man gierig aufpickt. Die genug Nahrung bieten, Kraft geben bis zum nächsten Fund.

Aber zurück zu den Sprechenden des Romans. Gehört das Wesen aus dem Chor zu den Lebenden oder zu den Toten? Ist es überhaupt angebracht, in solchen Kategorien zu denken? Die Frau gehört klar zu den Lebenden. In Jahren lässt sich ihr bisher gelebtes Leben nicht messen. Weil sie innerlich an einem Punkt in der Vergangenheit hängengeblieben ist? Mit den Toten spricht? Erhält sie Antworten? Mischt sich die tote Stewardess in den Dialog ein? Es ist nicht eindeutig und genau deshalb vielleicht genau die richtige Art und Weise, mit diesem Thema umzugehen.

In die Dialoge und Monologe mischen sich Anspielungen und Zitate, die das Gesagte und Gedachte untermauern oder weiter ausführen, wie die Fragen um Leben und Tod. Für Platon etwa war es klar: Der Körper mag sterben, die Seele bleibt. Und immer wieder geht es ums Fliegen. Um Vögel, um den Wunsch des Menschen, es ihnen gleichzutun. Zumindest in der Fantasie.

Leichte Kost sind sie nicht, die Bücher von Cécile Wajsbrot. Aber sie faszinieren. Stoßen inhaltlich etwas in einem an. Themen, die einen berühren. Unwiderstehlich verpackt in ein raffiniertes Spiel mit Worten und Sätzen, das einen Sog ausübt. Man wird mitgerissen, will sich auch gar nicht dagegen wehren, im Gegenteil. Nur zu bereitwillig lässt man sich mitziehen, hilft hier und da sogar mit einem kräftigen Beinschlag nach, denn man will ganz hinein, hindurch, bis auf den Grund.

 

30. Juni 2026

Wenn der Mond in Oostende um die Ecke lugt.

19. Juni 2026

Aus der Haustür treten, ein paar Meter nach links, und da ist es: das Meer.   

Lea Korsgaard „Das Jahr der Schmetterlinge“

Ullstein, 2026

Auch wenn man es eilig hat. Oder gerade etwas zu tun hat. Ihrem Zauber widersteht man nicht. Warum auch? Sie lassen einen innehalten. Lassen einen stoppen, alles in den Hintergrund treten. Was zählt, ist allein der Moment. Wie sie vor uns herflattern, sich immer wieder niederlassen, ihre Flügel ausbreiten und dann rasch weiterfliegen, wenn wir uns nähern. Aber nur, um gleich wieder zu landen, damit wir ihnen auch ja folgen und sie nicht aus den Augen verlieren.

Schmetterlinge faszinieren. Das taten sie schon seit … ach, seit es sie gibt. Die dänische Journalistin und Autorin Lea Korsgaard weiß das nur zu genau. An einem Neujahrsmorgen nimmt sie sich vor, innerhalb eines Jahres alle Schmetterlingsarten zu sehen, die es in Dänemark gibt. Wie viele das sind, weiß sie in diesem Moment noch nicht. Auch nicht, wie sie heißen, wo sie leben, wie sie auseinanderzuhalten sind. „Alles floss zu einem einzigen Kauderwelsch zusammen“, konstatiert sie. Aber anstatt sich davon entmutigen zu lassen, macht sie sich daran, eine neue Sprache zu lernen: die Schmetterlingsprache.

Und dabei nimmt sie uns mit. Mit ihr zusammen lernen wir die Schmetterlingsprache. Wir gehen mit der Autorin auf Safari und finden die meisten der über sechzig Schmetterlingsarten, die heute in Dänemark herumflattern. Die Ausrüstung für diese Safari besteht heute aus einer Kamera und nicht mehr aus einem Netz, mit dem die Falter gefangen werden, um später aufgespießt und hinter Glas präsentiert zu werden. Man tötet nicht, was man liebt. Generell und schon gar nicht dann, wenn einige Arten des Objekts der Leidenschaft vor dem Aussterben bedroht oder teilweise schon ganz verschwunden sind. 

Ach ja, die Leidenschaft. Glücklich ist jener, der seine Leidenschaft gefunden hat. Eine „Flutwelle, die sich in ihrem Geist erhebt und sie dazu zwingt, ihre gesamte Aufmerksamkeit, ihre ganze Kraft und all ihr Begehren in eine Richtung zu lenken.“ … und Sorgen und Nöte hinwegspült.

Aber „Das Jahr der Schmetterlinge“ ist so viel mehr als eine Suche nach dem Zitronenfalter, dem Tagpfauenauge oder dem grünen Zipfelfalter. Lea Korsgaard philosophiert unter anderem über den Symbolcharakter des Schmetterlings, der Botschaft aus dem Totenreich sein kann oder allgemein für Verwandlung und Hoffnung stehen kann. „Und wenn sich eine stachelige Raupe in ein so wunderschönes Wesen verwandeln konnte, warum sollte das dem Menschen nicht auch gelingen?“, erklärt die Autorin, die die Rolle des Schmetterlings in der Mythologie untersucht und wie sie sich mit dem Christentum gewandelt hat.

Vor dem Christentum sah man Gott in der Natur, war Gott die Natur, als deren Schöpfer die Christen Gott sahen, den sie damit über die Natur stellten, ihn von ihr entfernten. Korsgaards Großvater, ein Theologe, haderte damit und weigerte sich, das, was er in der Natur empfand, nicht als religiös zu empfinden. Er beklagte, dass die Theologie keinen richtigen Bezug mehr zur Welt habe. „Sie war losgelöst von dem Ort, an dem das Leben seinen Ursprung hatte.“

Und genau hierin liegt das Problem: Die Natur mit allem, was in ihr fliegt, läuft oder schwimmt, ist abstrakt, ist uns fremd geworden. Wir verstehen sie nicht mehr und achten nicht mehr darauf, was ihr gut tut und was nicht. Warnungen der Menschen, die es wissen, werden oft nicht gehört. Und diese Warnungen sind nicht neu. Es gibt sie bereits seit Jahrhunderten. Aber wie sagte schon Jean-Jacques Rousseau, den auch Lea Korsgaard zitiert: „Die Menschheit war im Laufe ihrer Entwicklung der Perfektion nicht nähergekommen.“ Im Gegenteil, möchte man hinzufügen.

Und trotzdem bleibt am Ende Hoffnung. Der Mensch ist in der Lage, sich zu ändern und andere Entscheidungen zu treffen. Die Autorin merkt es an sich selbst; pflanzt nicht mehr das in ihrem Garten, was nur schön aussieht, sondern was Insekten als Nahrungsquelle dient.

Ein interessanter Ansatz sind auch die zitierten Gedanken des Theologieprofessors Ole Jenssen zur Schöpfungsgeschichte. In ihr steht nicht allein, dass der Mensch über die Natur herrschen soll, sondern auch der Satz: „Und Gott sah, dass es gut war.“ „Bevor wir uns die Natur zunutze machen, müssen wir ihre Schönheit bewundern“, so Jenssen. „Bevor wir den Herrschaftsauftrag erhalten, wird uns die Pflicht zur Bewunderung und Fürsorge zugewiesen.“

„Das Jahr der Schmetterlinge“ ist ein wunderschönes Buch, das mit seinen zahlreichen Gedankenausflügen zum Nachdenken und Verändern anregt. Einziger Minuspunkt: Die Autorin fährt tausende von Kilometern mit dem Auto, um innerhalb eines Jahres Dänemarks Schmetterlinge zu sehen. Klimafreundlich ist das nicht. Dabei steht der öffentliche Nahverkehr in Dänemark doch im Ruf, pünktlich und eng vernetzt zu sein.

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