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19. Juni 2026

Aus der Haustür treten, ein paar Meter nach links, und da ist es: das Meer.   

Lea Korsgaard „Das Jahr der Schmetterlinge“

Ullstein, 2026

Auch wenn man es eilig hat. Oder gerade etwas zu tun hat. Ihrem Zauber widersteht man nicht. Warum auch? Sie lassen einen innehalten. Lassen einen stoppen, alles in den Hintergrund treten. Was zählt, ist allein der Moment. Wie sie vor uns herflattern, sich immer wieder niederlassen, ihre Flügel ausbreiten und dann rasch weiterfliegen, wenn wir uns nähern. Aber nur, um gleich wieder zu landen, damit wir ihnen auch ja folgen und sie nicht aus den Augen verlieren.

Schmetterlinge faszinieren. Das taten sie schon seit … ach, seit es sie gibt. Die dänische Journalistin und Autorin Lea Korsgaard weiß das nur zu genau. An einem Neujahrsmorgen nimmt sie sich vor, innerhalb eines Jahres alle Schmetterlingsarten zu sehen, die es in Dänemark gibt. Wie viele das sind, weiß sie in diesem Moment noch nicht. Auch nicht, wie sie heißen, wo sie leben, wie sie auseinanderzuhalten sind. „Alles floss zu einem einzigen Kauderwelsch zusammen“, konstatiert sie. Aber anstatt sich davon entmutigen zu lassen, macht sie sich daran, eine neue Sprache zu lernen: die Schmetterlingsprache.

Und dabei nimmt sie uns mit. Mit ihr zusammen lernen wir die Schmetterlingsprache. Wir gehen mit der Autorin auf Safari und finden die meisten der über sechzig Schmetterlingsarten, die heute in Dänemark herumflattern. Die Ausrüstung für diese Safari besteht heute aus einer Kamera und nicht mehr aus einem Netz, mit dem die Falter gefangen werden, um später aufgespießt und hinter Glas präsentiert zu werden. Man tötet nicht, was man liebt. Generell und schon gar nicht dann, wenn einige Arten des Objekts der Leidenschaft vor dem Aussterben bedroht oder teilweise schon ganz verschwunden sind. 

Ach ja, die Leidenschaft. Glücklich ist jener, der seine Leidenschaft gefunden hat. Eine „Flutwelle, die sich in ihrem Geist erhebt und sie dazu zwingt, ihre gesamte Aufmerksamkeit, ihre ganze Kraft und all ihr Begehren in eine Richtung zu lenken.“ … und Sorgen und Nöte hinwegspült.

Aber „Das Jahr der Schmetterlinge“ ist so viel mehr als eine Suche nach dem Zitronenfalter, dem Tagpfauenauge oder dem grünen Zipfelfalter. Lea Korsgaard philosophiert unter anderem über den Symbolcharakter des Schmetterlings, der Botschaft aus dem Totenreich sein kann oder allgemein für Verwandlung und Hoffnung stehen kann. „Und wenn sich eine stachelige Raupe in ein so wunderschönes Wesen verwandeln konnte, warum sollte das dem Menschen nicht auch gelingen?“, erklärt die Autorin, die die Rolle des Schmetterlings in der Mythologie untersucht und wie sie sich mit dem Christentum gewandelt hat.

Vor dem Christentum sah man Gott in der Natur, war Gott die Natur, als deren Schöpfer die Christen Gott sahen, den sie damit über die Natur stellten, ihn von ihr entfernten. Korsgaards Großvater, ein Theologe, haderte damit und weigerte sich, das, was er in der Natur empfand, nicht als religiös zu empfinden. Er beklagte, dass die Theologie keinen richtigen Bezug mehr zur Welt habe. „Sie war losgelöst von dem Ort, an dem das Leben seinen Ursprung hatte.“

Und genau hierin liegt das Problem: Die Natur mit allem, was in ihr fliegt, läuft oder schwimmt, ist abstrakt, ist uns fremd geworden. Wir verstehen sie nicht mehr und achten nicht mehr darauf, was ihr gut tut und was nicht. Warnungen der Menschen, die es wissen, werden oft nicht gehört. Und diese Warnungen sind nicht neu. Es gibt sie bereits seit Jahrhunderten. Aber wie sagte schon Jean-Jacques Rousseau, den auch Lea Korsgaard zitiert: „Die Menschheit war im Laufe ihrer Entwicklung der Perfektion nicht nähergekommen.“ Im Gegenteil, möchte man hinzufügen.

Und trotzdem bleibt am Ende Hoffnung. Der Mensch ist in der Lage, sich zu ändern und andere Entscheidungen zu treffen. Die Autorin merkt es an sich selbst; pflanzt nicht mehr das in ihrem Garten, was nur schön aussieht, sondern was Insekten als Nahrungsquelle dient.

Ein interessanter Ansatz sind auch die zitierten Gedanken des Theologieprofessors Ole Jenssen zur Schöpfungsgeschichte. In ihr steht nicht allein, dass der Mensch über die Natur herrschen soll, sondern auch der Satz: „Und Gott sah, dass es gut war.“ „Bevor wir uns die Natur zunutze machen, müssen wir ihre Schönheit bewundern“, so Jenssen. „Bevor wir den Herrschaftsauftrag erhalten, wird uns die Pflicht zur Bewunderung und Fürsorge zugewiesen.“

„Das Jahr der Schmetterlinge“ ist ein wunderschönes Buch, das mit seinen zahlreichen Gedankenausflügen zum Nachdenken und Verändern anregt. Einziger Minuspunkt: Die Autorin fährt tausende von Kilometern mit dem Auto, um innerhalb eines Jahres Dänemarks Schmetterlinge zu sehen. Klimafreundlich ist das nicht. Dabei steht der öffentliche Nahverkehr in Dänemark doch im Ruf, pünktlich und eng vernetzt zu sein.

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